Kultur

Musik

Das Land Kurdistan ist eine Brücke zwischen Kaukasien, Zentralasien, der arabischen Welt und Europa. Mehrere Zivilisationen siedelten sich hier an und nährten die kurdische Kultur im Laufe der Geschichte auf vielseitige Weise. Aus historischen Quellen geht hervor, dass die kurdische Musik ihre Wurzeln in der Zeit der Hurriter*innen hat. Die älteste Musiknote der Welt wurde in Ugarit gefunden. Sie ist in hurritscher Sprache geschrie- ben und datiert um 1400 v.u.Z.

1948 führte eine französische Expedition eine Ausgrabungskampagne durch und fand viele Artefakte. Einige Jahre später erkannte Emmanuel Laroche, Professor an der Universität Straßburg in Frankreich, diese Stücke und erkannte, dass sie Teile eines großen Ganzen darstellten. Er war in der Lage, die Teile in perfekter Harmonie miteinander zu kombinieren. Im Jahre 1967 wurde nach mehreren Studien entdeckt, dass die archäologische Inschrift ein Lied ist, was über die hurritschen Götter erzählt und dass es die erste bekannte musikalische Notation in der Geschichte der menschlichen Kultur enthält. Dies be- wies, dass die Heptatonik, die Tonleiter aus sieben Tönen, keine griechischen Innovationen, sondern eine der bahnbrechenden Innovationen der Hurriter-Zivilisation waren. Denn vor dieser historischen Entdeckung glaubte die Welt, dass diese Tonleiter von den griechischen Philosoph und Mathematiker Pythagoras entdeckt wurde. Außerdem glaubte die Welt, dass das erste Musikstück, welches mithilfe dieser Tonleiter komponiert wurde, ein Stück war, welches in einem der tragischen Theaterstücke des griechischen Schriftstellers Euripides gespielt wurde, das Mitte des fünften Jahrhunderts v.u.Z. gezeigt wurde.

Kurdische Musik ist auch stark mit den alten Religionen des kurdischen Volkes verbunden wie Zoroastrismus,

Yarsanism, Jesidentum und Alevitentum. Noch heute ist spirituelle Musik in religiösen Ritualen und Ereignissen in diesen religiösen Gruppen integriert und es gibt viele Forschungen die bestätigen, dass Musik dem kurdischen Volk heilig war, insbesondere bei lurischen Kurd*innen. Kurdische Musiker*innen spielten eine wichtige Rolle während des abbasiden islamischen Staates(750-1517). Als einer der wichtigsten Musiker, die das Erbe der nah- östlichen Musik nach Spanien und von dort nach Europa brachten, zählt Ziryab (789-857), welcher aus Mossul stammt. Eine der wichtigsten Folgen von Ziryabs Ein- fluss auf die spanische Musik ist die Vermischung orien- talischer und westlicher Musik, die einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Flamencos hatte- ein spanischer Musikstil, welcher der „Kurd-Tonleiter“ in der östlichen Musik ähnelt. Er führte verschiedene Musikstile nach Spanien ein und gründete dort eine Schule für Gesangs- kunst, Musik und Rhythmus. Außerdem war er auch Dichter, Astronom, Geograph und Historiker.

Er entwickelte das Design des Oud-Instruments weiter, machte es leichter und verwendete für die Herstellung der Saiten neue Materialien. Er fertigte 5 statt 4 Saiten und stellte das Oud-Plektrum aus Adlerfedern anstelle von Holz her. Er erfand auch mehrere musikalische Mu- waschschah, die orientalisch-andalusische Strophen-Gedichtform fester Bauart ist, und viele Tonleitern (Geh oder Maqam), welches System der melodischen Modi in der orientalischen Musik ist. Ziryab gab den meisten musikalischen Begriffen und kompositorischen orienta- lischen Maqamen und ihren Zweigen kurdische Namen, die noch heute verwendet werden. Die orientalischen Tonleitern und musikalischen Zeichen wurden nach kurdischen Ziffern benannt, auch die Hauptnoten mit ,,Mal“ bezeichnet wurde, was „Haus“ auf kurdisch bedeutet,

und die Nebennoten mit ,,Bêmal“, was „ohne Haus“ auf kurdisch bedeutet. Er nannte auch den Namen der Note „Duawaz“, was auf kurdisch zwei Melodien bedeutet. Die Auswirkungen dieser Nomenklatur auf die lateinische Sprache ist immer noch sichtbar in Begriffen wie Bemolle und Dièse. Was die Namen der musikalischen Maqamen betrifft, so konnte Ziryab sein kulturelles Erbe nutzen und weiterentwickeln, da die kurdische Kultur eine wichtige Rolle in der Musikwissenschaft und den östlichen Maqa- men spielt. Die meisten der musikalischen Maqamen ha- ben im Osten bis heute kurdische Namen, wie die Rast- Maqam, was korrekt oder gerade auf kurdisch bedeutet. Die Rast-Maqam wird als die grundlegende Maqam in der orientalischen Musik angesehen, genauso wie die Dur- Tonleiter in der westlichen Musik, obwohl sie sich im De- tail von der Dur-Tonleiter unterscheidet. Auch Sigeh-Maqam hat Ziryab so genannt, weil er ausschließlich von der dritten musikalischen Noten beginnt, so dass „Si“ auf kurdisch drei bedeutet und das Wort „geh“ auf Kurdisch Ton- leiter heißt . Sowie auch die Haupte Maqamen wie „Kurd“ und „Nahawand“ und vielen anderen Untermaqams , wie z.B. (Çargeh, Newroz, Suznak …), die zu dem kurdischen Volk gehören.

Obwohl sich die kurdische Musik bis in die Tiefen der Geschichte und über den gemeinsamen Einfluss mit verschiedenen Zivilisationen erstreckt hat, hat sie ihren eigenen Charakter bewahrt, die durch das „Tembûr“ gekennzeichnet ist. Durch dieses Instrument war sie in der Lage, die Musikkultur mehrerer benachbarter Völker zu beeinflusen.

Die Tambûr wurde bei den Vorfahren der Kurd*innen in religiösen Ritualen eingesetzt und gilt als die Mutter der Saiteninstrumenten. Sie ist eines der ältesten und am häu- figsten verwendeten Musikinstrumente und ist von großem moralischen und kulturellen Wert in der kurdischen Gesellschaft, wo es kaum einen Haushalt ohne dieses Ins- trument gibt und das Spiel davon zur Tradition wurde. Dieses Instrument wird als Beitrag der Kurd*innen in der Welt der Musik angesehen, daher wanderte sie von ihnen bis zu den Ägypter*innen, Phönizier*innen, Griech*innen, Perser*innen, Araber*innen und Türk*innen. Sie wurde von Region zu Region unterschiedlich genannt, die Perser*innen und Araber*innen nennen sie (Tanbur), wobei das Wort nicht persisch oder arabisch ist. Das Instrument hat sich in verschiedenste Typen und neuen Formen mit einfachen und formalen Unterschieden abgezweigt, aber alle diese Zweige haben den musikalischen Ursprung be- wahrt. Auch heute gibt es viele verschiedene Modelle die- ses Instruments, wie zum Beispiel: Saz, Bouzouki, Buzuq, Baglama.

Eines der Blasinstrumente, das in der kurdischen Musik verwendet wird, ist ,,Bilûr“,die kurdische Flöte. Auch ,,Dû- dûk“, die auch von den Armenier*innen und einigen Kau- kasusvölkern verwendet wird, und die „Zirne“, die häufig in folkloristischen Musikstilen verwendet wird. Eines der rhythmisches Schlaginstrumente sind Dahol,Tombak, Def. Des Weiteren gibt es die Santur, ein Saiteninstrument ähnlich der Kanun. Auch in der kurdischen Musik verwen- det werden Kamancheh und Cümbüş.

Schmerz und Traurigkeit sind die zentralen Themen der kurdischen Musik. Grund hierfür ist, dass das kurdische Volk seit Anbeginn seiner Zeit unter Problemen wie Ver- folgung und Ausgrenzung leidet.Kurdische Musik beschäf- tigt sich außerdem häufig mit Natur und Umwelt und das Lebensumfeld des kurdischen Volkes spiegelt sich in ihrer Musik wieder: Die sogenannte Bergmusik wird so haupt- sächlich durch Blasinstrumente begleitet (aufgrund der Wirkung des Echos in den Bergen), während in der Musik der Ebenen Saiteninstrumente dominieren. Obwohl es in der Vergangenheit und noch heutzutage viele Hindernisse für die kurdische Musik gibt und das kurdische musikalische

Kulturerbe häufig fälschlicherweise Nachbar*innne- kulturen zugeschrieben wurde, konnte sie sich behaupten. So können wir heute das Zusammenspiel der kurdischen Musik mit der der Völker ihrer Umgebung sehen und es gibt kurdische Melodien, die in die Musik der an die Kurd*innen angrenzenden Völker eintraten.

Man kann sagen, dass die Menschen, die sich am meisten für ihr künstlerisches und musikalisches Erbe einsetzen, diejenigen sind, die verfolgt werden. Musik ist mit der Wahrheit und Erkenntnis verbunden und offenbart die so- ziale Dimension ihres Volkes und das Ausmaß ihres Glücks oder Elends.So können wir mit der kurdischen Musik eine Musik beobachten, die in der Natur ihrer musikalischen Komposition eine rebellische Stimme trägt und standhaft sowie kampfbereit ist. Oft ist sie auch traurig und ent- hält einen Aufruf zum Frieden. Wir können die Stimme der Kurd*innen durch ihre Musik hören. Die angespannte politische Lage in den kurdischen Regionen hat Schwierigkeiten bereitet, das historische Erbe infolge der Instabilität zu bewahren. Die Musik hat hierbei eine zentrale Rolle gespielt, um das kurdische Kulturerbe mit all seinen Inhalten zu bewahren und an künftige Generationen weiterzugeben.